Spuren der Kolonialgeschichte und kolonialrassistische Darstellungen
Zu dieser Handreichung
Diesen Reader haben wir für Sie zusammengestellt, um auf das besondere Phänomen der kolonialrassistischen Darstellungen in unserem Alltag gesondert aufmerksam zu machen. In verschiedenen mittelhessischen Städten und Landkreisen sind uns auf Kirchen- und Privatdachböden, in Bäckereien, Hotelfoyers und auf Flohmärkten Beispiele begegnet. Nur selten haben wir dabei daran gedacht, die Gegenstände sofort zu fotografieren - erst mit der Zeit ist die Idee herangereift, eine Handreichung mit Beispielen zu erstellen. Die Bilder, dir wir im Nachhinein zusammengetragen haben, stammen also nicht alle aus Mittelhessen, stehen aber Beispielhaft für Gegenstände, die überall in Deutschland so entdeckt werden können.
Mit diesem Reader wollen wir auf die Vielzahl (kolonial-) rassistischer Darstellungen aufmerksam machen, die uns umgeben und dafür sensibilisieren, welche verletzende Wirkung sie auf Schwarze Menschen und andere Betroffene haben können. Die Bilder sind alle entweder lizenzfrei oder, wo kein lizenzfreies Bild zur Verfügung stand, mit KI generiert.
Für weitere Anregungen und weiteres Bildmaterial für unsere Sammlung sind wir dankbar – machen Sie gerne mit bei unserer Sensibilisierungskampagne.
Vielen Dank und herzliche Grüße
Semhar Depelkoven, Markéta Roska, Teresa Gimbel, Pia Dreher, Thea Otte, Marie Bültel, Lea-Sophie Piechocki und Nelly Djappa (Fuldaer Afrika Verein e.V.)
Apotheken
Die Mohrenapotheke in Konstanz hat sich zwar in St. Pelagius Apotheke umbenannt, die Figur bleibt aber aufgrund des Denkmalschutzes ohne Plakette zur Einordnung weiter bestehen. (https://pelagiusapotheke.de/ueber-uns/)
Unternehmen
Das Familienunternehmen Machwitz Kaffee aus Hannover hatte seit seiner Gründung das Logo mit den drei „Mohren“. Kritik am Firmenlogo wurde bereits in den 80er Jahren laut, die Kontroverse darum allerdings erst richtig in den 2010ern entfacht. Das Unternehmen fühlte sich durch die Kritik „an den Pranger gestellt“ und zeigte sich zunächst uneinsichtig. Das Logo sei Familientradition und somit nicht rassistisch. Seit 2023 hat Machwitz Kaffee ein neues Logo. In ihrem Shop gibt es allerdings noch Artikel mit dem alten Logo zu kaufen und auch auf ihrer Webseite ist das Logo noch auf vielen Bildern ohne kontextualisierenden Kommentar zu finden.
Kinderbücher
Das Thema „Rassismus in Kinderbüchern“ erhitzt häufig die Gemüter. Dabei finden sich besonders in alten Kinderbüchern häufig kolonialrassistische Inhalte, die sich nicht nur auf die Verwendung des N*Wortes oder die kolonialrassistische Romantisierung des Lebens indigener Amerikaner*innen beschränkt.
So findet sich relativ zu Beginn der Geschichte Jim Knopfs folgender Satz: „Außerdem war es auch erschrocken vor dem großen schwarzen Gesicht von Lukas, denn es wusste ja noch nicht, dass es selber auch ein schwarzes Gesicht hatte. “ Zum einen wird hier Weißsein als naturgegebene Norm dargestellt. Sogar das Schwarze Baby akzeptiert Weißsein als Norm und hat natürlich Angst vor dem „Anderen“, vor dem Schwarzen. Zum anderen wird hier die schwarze Hautfarbe mit Dreck verglichen. Ein Vergleich, der sich an weiteren Stellen ebenfalls finden lässt. „Das Waschen fand er besonders überflüssig, weil er ja sowieso schwarz war und man gar nicht sehen konnte, ob sein Hals sauber war oder nicht. “
„Jims bester Freund war und blieb Lukas der Lokomotivführer. Sie verstanden sich ohne viele Worte, schon allein deshalb, weil Lukas ja ebenfalls fast ganz schwarz war. “
„Jims größter Wunsch war es nämlich, später auch Lokomotivführer zu werden, weil dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte. “
Auch bei Pippi Langstrumpf reicht es nicht, das N-Wort auszutauschen, um kolonialrassistische Inhalte zu entfernen. Die Kinder in Taka-Tuka Land sprechen immer eine gebrochene Sprache, Mathematik wird als etwas dargestellt, das nur weiße Menschen nutzen. Damit werden die Errungenschaften realer nicht-weißer Kulturen und Menschen unsichtbar gemacht und das Bild des freundlichen, aber einfältigen schwarzen Wilden weit über die Kolonialzeit hinaus weiter kultiviert.
Das bedeutet nicht, dass Michael Ende oder Astrid Lindgren glühende Rassist*innen waren. Es zeigt aber, dass kolonialrassistische Stereotype und Wahrnehmungen nicht-weißer Menschen (des „Fremden“) so tief in unserer Kultur verwurzelt sind, dass wir sie unreflektiert über Jahrzehnte oder Jahrhunderte reproduzieren.
Architektur & Inneneinrichtung
Weiterhin werden in Möbelhäusern Möbel im sogenannten Kolonialstil verkauft und auch in der Architektur wird der Begriff Kolonialstil weiterhin für bestimmte Baustile verwendet.
Auch in Läden mit Antiquitäten und auf Flohmärkten findet man Möbelstücke und Dekoration in diesem Stil.
Karneval/ Fasching/ Fastnacht
Auch im Karneval, Fasching und Fastnacht hat Rassismus Tradition. Mittlerweile gibt es weniger Vereine und Privatmenschen, die sich mit Schuhcreme einfärben und als „Mohr“ oder „N****“ verkleiden. Dennoch sind stereotype und oft beleidigende Darstellungen von Menschen anderer Länder als Kostüme immer noch beliebt, z.B.: als indigene Amerikaner*innen mit Federhaube.
Kirche
In Kirchen finden sich häufig noch rassistisch überzogene Darstellungen schwarzer Menschen als „Mohren“. Die abgebildete Büste des Heiligen Mauritius entstand Mitte des 13. Jahrhunderts und befindet sich seit den 1950er Jahren im Magdeburger Dom. Sie zeigt deutlich das eine verzerrte Darstellung Schwarzer Menschen in Deutschland (und Europa) schon vorkolonial bestanden hat.
Die Missionsspardosen, auch als „Nickn****“ bekannt, stehen in direktem Zusammenhang mit der Kolonialzeit. Die kindliche Figur, mit wulstigen, viel zu roten Lippen, die dankbar nickt, wenn eine Münze eingeworfen wird, diente der finanziellen Unterstützung deutscher Missionierender, die ins Ausland gingen, um die „heidnischen Völker“ zum Christentum zu bekehren und sie zu treuen Diener*innen des deutschen Staats zu machen. Mittlerweile sind sie überwiegend in Privatsammlungen und kaum noch in Kirchen zu finden.
Auch die Darstellung von einem der drei Heiligen Könige als „Mohr“ findet sich immer noch in und an Kirchen, auch wenn das „Blackfacing“ von Sternsingern mittlerweile nicht mehr gemacht wird. Allerdings haben sich viele Kirchen inzwischen mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt, so dass diese Figuren nach und nach verschwinden.
Denkmäler
Es gibt einige Denkmäler die Kolonialverbrecher*innen ehren oder die deutsche Kolonialherrschaft glorifizieren. Inzwischen wurden einige entfernt, andere wie die Statue Hermann Wissmanns in Bad Lauterberg (Harz) sind noch vorhanden und umstritten. Obiges Bild zeigt den Sockel der Statue Hermann von Wissmanns, der heute als Reichskommissar für seine Brutalität gegenüber der kolonialisierten ostafrikanischen Bevölkerung bekannt ist.
Straßennamen
Es gibt einige Denkmäler die Kolonialverbrecher ehren oder die deutsche Kolonialherrschaft glorifizieren. Inzwischen wurden einige entfernt, andere wie die Statue Hermann Wissmanns in Bad Lauterberg (Harz) sind noch vorhanden und umstritten. Obiges Bild zeigt den Sockel der Statue Hermann von Wissmanns, der heute als Reichskommissar für seine Brutalität gegenüber der kolonialisierten ostafrikanischen Bevölkerung bekannt ist.
Mitwirkende
Verfasser*innen:
- Bültel, Marie
- Depelkoven, Semhar
- Dreher, Pia
- Gimbel, Teresa
- Otte, Thea
- Piechocki, Lea
- Roska, Markéta
Erstellt im Rahmen des Postkolonialen Spaziergangs in Fulda in Kooperation mit dem Fuldaer Afrika Verein e.V. und AdiNet Mittelhessen.